80 Grad Unterschied - Fraunhofer-Spezialisten sind Wegbereiter der künftigen Wasserversorgung
Den schönen Ausblick vom Vogelherd auf die Stadt können die Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Wasser im Fraunhofer Anwendungszentrum Systemtechnik nicht genießen. Wenn Sie nicht gerade über komplizierten Unterlagen grübeln, sind sie nämlich in der Mongolei unterwegs.
ILMENAU.
Buren Scharaw kehrt in seine Heimat zurück. Zumindest zeitweise. Der Mongole und die von ihm geleitete Arbeitsgruppe Wasser sind federführend bei einem zukunftsträchtigen Projekt rund um die Stadt Darkhan. Knapp 100 000 Einwohner leben dort im Norden des Landes, das mehr als viermal größer ist als Deutschland, aber nur knapp zweieinhalb Millionen Einwohner hat. Eigentlich gibt es in diesem Landesteil, in Richtung russischer Grenze, keine Probleme mit Trinkwasser - ganz im Gegensatz zum Süden mit der Wüste Gobi. Und dennoch haben viele Städte der Mongolischen Republik große Probleme mit ihrer Wasserversorgung. “Dafür gibt es zwei Gründe - globale Klimaveränderungen und hausgemachte Probleme”, erklärt Dr. Scharaw. Momentan überwiegen noch letztere. Woher die in der Mongolei kommen, kann mit einem Wort beschrieben werden: Bodenschätze. Der große Reichtum des Landes ist zugleich ein großer Fluch, denn beim Abbau von Kupfer, Molybdän und Gold werden durch einheimische wie internationale Firmen nicht gerade die Samthandschuhe angezogen. Quecksilber ist so ein großer Verschmutzungsfaktor, die traditionelle Viehhaltung mit der Leder- und Fellverarbeitung steuert mit den hier eingesetzten Chemikalien ein zweites Problem bei.
Damit aber nicht genug - das Land glänzt auch noch mit klimatischen Herausforderungen. 40 Grad im Sommer, 80 Grad weniger im Winter - da funktioniert eine stabile Wasserversorgung nur über Brunnen mit mindestens 70 Meter Tiefe. Und auch die Abwasserversorgung ist so einfach nicht. “Die hier bei uns eingesetzten Bakterien benötigen mindestens zwölf Grad, die sind in der Mongolei im Winter nicht zu garantieren”, beschreibt Steffen Dietze, im Dreimann-Team für den Bereich Abwasserentsorgung zuständig, die Situation, die auch ganz neue Wege erfordert.
Es geht also beim von Bundes- und mongolischer Regierung geförderten Projekt “Integriertes Wasserressourcen-Managament in Zentralasien: Modellregion Mongolei” - kurz MoMo genannt - bei weitem nicht nur um die Wasserverschmutzung. Darkhan - vom Bergbau in der Umgebung geprägt - ist ein perfektes Beispiel dafür, was in Bezug auf die Wasserversorgung noch beachtet werden muss. “Die schnell zunehmende Verstädterung führt zu großen Jurtensiedlungen, die nicht an die meist aus den 50er- und 60er-Jahren stammenden Ver- und Entsorgungssysteme angeschlossen sind”, sagt Wasserspezialist Thomas Westerhoff, Dritter im Fraunhofer-Team.
Unwahrscheinlich komplex ist somit die Aufgabe, die vor den Wissenschaftlern steht. Neben der TU Ilmenau sind deshalb auch Spezialisten aus München, Berlin und Kassel mit im Boot, dazu Partner aus den Universitäten und der Wirtschaft in der Mongolei. Es geht nicht nur darum, Auswirkungen von Klimawandel, regionaler Landnutzung und Gewässerökologie zu untersuchen, sondern Trinkwassergewinnung, Verteilung sowie Abwasserableitung und -behandlung aufzubauen. “Wir betrachten das Problem auch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, wollen einen Wissenstransfer vollziehen, der in fünf Jahren ermöglicht, dass das Projekt mit eigenen Kräften fortgeführt werden kann”, erklärt Buren Scharaw stolz darauf, dass er seinem Heimatland helfen kann, ein großes Problem dauerhaft zu lösen.
Quelle: Ilmenauer Allgemeine